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Worte sind ein wesentlicher
Bestandteil jeglicher Kommu-
nikation. Mit ihrer Hilfe kann
eine Person der anderen unterschiedliche
Sachverhalte weitergeben. Das Wort allei-
ne ist ein bloßes Vehikel, entscheidend ist
die Interpretation seines Inhaltes durch die
kommunizierenden Personen.
Verstehen beide das Gleiche? Kom-
men beide letztlich zur selben Diagnose?
„Xuán“ (siehe Kreis) besteht aus zwei Teilen.
Separat betrachtet zeigt der linke Teil einen
Bogen, der beim chinesischen Betrachter
auch ein Wahrnehmungsgefühl für kräftig
und relativ dünn hervorruft. Der rechte
Teil ist hier ein Aussprachehinweis. „Sieht“
man jedoch beide Teile, die „Xuán“ bilden,
als eine Einheit, versteht der Betrachter
„nur“ Sehne des Bogens. Die „Mischung“
aus visueller Wahrnehmung und üblichen
Emotionen, die beim Betrachten zusätzlich
entstehen können, führen dann zu einem
meinungsbildenden Gesamtverständnis
Man sitzt in Peking im Hörsaal einer der
bedeutendsten medizinischen Forschungs-
und Ausbildungseinrichtungen Chinas* und
der Professor spricht von „Kälteinvasion der
Leitbahn“, „aufsteigendem Leberfeuer“
oder davon, dass das bloße, zu tiefe Einste-
chen einer kleinen Nadel „die Kälte in die
Tiefe eindringen lässt“ – und damit Schaden
anrichten kann! Unvorstellbar, wo doch die
„gerac“- Studie gezeigt haben soll, dass
es egal ist, wo man die Nadel hinsticht?
Starker Tobak für einen promovierten,
deutschen Facharzt, der um die großartigen
Errungenschaften der westlichen Medizin
weiß und mit ihnen aufwuchs.
Die traditionelle chinesische Medizin,
oder in anderen Ländern Asiens auch
„orientalische Medizin“ genannt, ist medi-
zinische Wissenschaft in Reinform – reine
Empirie. Daher ist das einfache Wörtchen
„verstehen“ das, worum sich alles dreht.
Denn nur, wenn man sie versteht, kann
man diese Wissenschaft erlernen, sinnvoll
umsetzen und anwenden.
Wesentliches element der tCm-dia-
gnostik ist die pulsdiagnose. Dabei ist
die richtige Bewertung der „Pulsqualität“
entscheidend.
Die Fakten sind einfach: Es gibt 28 ver-
schiedene Pulsqualitäten, 6 spezielle
Pulse und 10 moribunde Pulse. Die 28
Pulsqualitäten werden in einfache und
komplexe Pulse unterteilt.
Für jede der 28 Pulsqualitäten steht
ein chinesisches Zeichen, das sie also
bildlich beschreibt. Sie werden in der
deutschen Literatur mit „oberfläch-
Sind wir eigentlich ohne weiteres mit westlicher Erziehung, west-
lichem Denken und westlicher Literatur dazu in der Lage, die TCM-
Diagnostik, die wir anwenden, überhaupt richtig erfassen zu können?
Das einfache Wort „verstehen“ ist das, worum sich alles dabei dreht.
pulsdiagnostik
- transkriptionsprobleme und hindernisse -
Dr. med. Thomas Braun
Verfasser:
In Zusammenarbeit
mit ww.tcm-experten.
de, Dr. med. Tho mas
Braun, D- 93413
Cham, Ludwigstr. 10,
Tel.: 09971/99 5366,
E-Mail: M @ dizin.de,
Internet: www.akc.li
Facharzt für Allge-
meinmedizin, Sport-
medizin, Homöopa-
thie, Chirotherapie,
Notfallmedizin, Qua-
litätsmanagement,
Akupunktur
Weiterbildungsbe-
fugter Arzt der Baye-
rischen Landesärzte-
kammer für Akupunk-
tur, Lehrbeauftragter
der Akupunktur- und
TCM-Gesellschaft in
China weitergebil-
deter Ärzte, Home-
page: www.atcä.de
Bild 1: Was bedeutet eigentlich das „chinesische Schriftbild“ für
die Pulsqualität Xuán Mài wirklich? Welche Rückschlüsse zieht
der chinesische „Betrachter“ des Wortes (Schriftzeichen = Bild)
und welche der deutsche „Leser“ des Wortes (Abfolge von Buchsta-
ben). Frau Wang Yue, TCM-Deutsch-Fachdolmetscherin in Peking.
Der zufriedene
Aku punkturpatient
(Download-Foto un-
ter: www.hwato.de)
© www.tcm-experten.de
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lich“, „tief“, „rollend“, „rau“
etc. beschrieben, bzw. aus
dem Chinesischen vielleicht
manchmal zuerst ins Englische
und dann ins Deutsche über-
setzt.
Weil die meisten Erkrankungen
durch Störungen von Qi oder
Blut oder von einem gestörten
Fluss beider herrühren, kann
man krankhafte Veränderungen
am Puls erkennen.
Deutsche Lehrbücher, mit teil-
weise liebevollen Darstellungen
und Beschreibungen der Pulsqua-
litäten ermöglichen dem Leser
einen ersten Einblick. Doch schon
der erste Versuch, sich anhand
eines entsprechenden Buches von
einem chinesischen Professor die
Einzelheiten näher erklären zu
lassen, um, wie man glaubt, etwas
tiefer in die Materie einsteigen zu
können, wird mit der Bemerkung,
das Buch sei z. T. falsch, zu einem
jähen Ende gebracht.
In der Vorlesung erfährt man
dann mehr:
In den Klassikern werden neun
Zonen, die zur Pulsdiagnostik
geeignet sind, beschrieben. Im
klinischen Alltag ist heutzutage
in China die Pulsuntersuchung
an der handgelenksnahen Art.
Radialis üblich.
Patient muss dabei ent spannt
sein, also nicht nach
körperlicher Arbeit
Essen
etc.
Mindestens 50 Schläge
tasten
Bequeme Sitzposition
Auf Herzhöhe tasten
Die Position der Finger ist
einheitlich (drei Zonen):
Zeigefinger distal, Ringfin-
ger proximal
Beim Anlegen der Finger
gleitet man sanft mit dem
Mittelfinger distal (Guan),
bis die Erhebung des pro-
cessus styloideus radii ei-
nen sanften Widerstand
spüren lässt, dann legt man
den Zeigefinger distal (Cun)
in die proximale Beugefal-
te des Handgelenkes und
den Ringfinger distal (Chi)
im gleichen Abstand zum
Mittelfinger auf.
Die Pulsuntersuchung er-
folgt dann in drei Druckstu-
fen (leicht, mittel und stark),
die mit dem Gewicht von
drei, sechs und neun Boh-
nen beschrieben werden.
Die Untersuchung des
Pulses erfolgt beidseits.
Somit ergeben sich 9 Dia-
gnosezonen.
Die Organzuordnung der ein-
zelnen Pulspositionen ist:
Rechts:
Chun
Lu/Di
Guan
MP/Ma
Chi
Ni (re.)
Links:
Chun
He/Dü
Guan
Le/GB
Chi
Ni (li.)
Primär wird in 10 Qualitäten
(jeweils 5 Yang- und 5 Yin-
Qualitäten) unterteilt:
Oberflächlich – tief
Schnell – langsam
Voll/ kräftig – schwach
Form: Dick – dünn; hart
– weich
Zusätzlich kann der Puls Eigen-
schaften haben:
saitenförmig
gespannt
rollend
schabend
fadenförmig
aussetzend
wogend
breit
schroff
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Bild 2: Wesentliches Element der täglichen klinischen Diagnostik im
heutigen China ist die Pulsdiagnose; www.akc.li
Bild 3: Chinesisches Lehrbuch,
Kapitel Pulsqualitäten. Im Übungs-
kissen Akupunkturnadeln mit
Silberwendelgriff für Grundkurs-
teilnehmer.
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Die Freude, das alles schon gele-
sen zu haben, wird jedoch bald
getrübt: Sprachverwirrung.
Die Pulsdiagnose hat mit 30 -
40% der Diagnostik einen großen
Stellenwert in China.
Die Beschreibung, was ei-
gentlich mit den (übersetzten)
Worten gemeint ist:
Oberflächlich: wie Holz,
das auf Wasser schwimmt
Tief: wie versunkener Stein
im Wasser
Schnell: mehr als 5 Puls-
schläge pro Atemzug
Langsam: wie gefrorener
Fluss im Winter langsam
fließt (< 4 /Atemzug)
Saitenförmig: wie die Saite
einer Violine
Gespannt: wie gespanntes
Seil
Rollend: wie ein erbsengro-
ßer Ball auf einem Teller,
nur kurz unter dem Finger
fühlbar, fühlt sich schnell
an
Haftend: Glasscherbe kratzt
an Bambus, berührt Finger
länger als normal
Dünn: wie feiner Faden,
klar tastbar
Wo bleibt der oft gelesene „schlüpf-
rige“ Puls oder auch der „raue“ und
wo der „fadenförmige“? Intensive
Suche in der mitgebrachten Lite-
ratur fördert eine englische Über-
setzung sowie ein nicht in Pinyin
geschriebenes „chinesisches“ Wort
zu Tage. Dazu zwei Beispiele:
Damit lässt sich dann zumin-
dest etwas von der anfänglichen
Verwirrung beseitigen.
schlüpfrig steht für englisch
slippery und chinesisch hua,
dieser Puls entspricht also dem
o. g. rollenden, der sich anfühlt
wie Bällchen auf dem Teller.
Die Begriffsverwirrung kommt
möglicherweise auch dadurch
zustande, dass Autoren in ih-
rem Wörterbuch nachgeschaut
haben und unter der Rubrik
hua als einziges huá, das dort
mit rutschig übersetzt steht,
gefunden haben.
Als weitere Beschreibung
des haftenden Pulses steht in
einem Buch auch schabend,
im Versuch zur Zuordnung
Bild 4: Die richtige Position der Finger. Der kleine Finger hat keine Auf-
gabe. Prof. Hu Jinsheng, der Direktor des Internationalen Ausbildungs-
zentrums am WHO-Collaborating Centre for Traditional Medicine in
Peking, führt die Pulsdiagnostik durch. Eine Leseprobe unter www.
akupunkturexperten.de/hujinsheng.html)
Bild 5: „Langnasen“ beim Erlernen der Pulsdiagnostik. Um das
Krankheits bild des Patienten richtig erfassen zu können, muss sich
der untersuchende Arzt in das, was er fühlt, so vertiefen, dass er
erkennen kann, woher die Störung kommt. Im Bild die Moderatoren
des ärztlichen Qualitätszirkels Oberpfalz: Dr. Peter Hieber, Weiden
(links), und Dr. Thomas Braun, Cham (Mitte). www.akupunktur-net.de
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zum englischen hesitant (was
ja eigentlich zögerlich bedeu-
tet) und zum chinesischen
Se. Große Unterschiede in
der Beschreibung weisen auf
deutlich unterschiedliche
Empfindungen der Autoren
hin. Die Beschreibung: „Glas-
scherbe kratzt an Bambus“
scheint für uns Mitteleuropäer
leicht nachzuvollziehen. Vom
chinesischen Lehrkörper be-
kommen wir dazu noch den
Zusatz: „am grünen Bambus“.
Hilft auch nicht viel weiter,
also: Grünen Bambus suchen,
Glasscherbe oder Taschen-
messer in die Hand und damit
kratzen. (Anm.: Ist übrigens
ein ganz eigentümliches Ge-
fühl minimaler Vibrationen,
die fast am eigenen Finger kit-
zeln. Findet sich, wenn man
es weiß, gar nicht selten!)
Soviel zu den
Grundlagen, und
nun das prak-
tische Lernen:
Wo, wenn nicht
in China, könnte
man das lernen.
Mit erfahrenen
Kollegen die Be-
funde abzuglei-
chen, ist jedoch
nicht ganz ein-
fach, denn dabei
wird man nicht
selten von chine-
sischen PJ-Stu-
denten umringt,
deren Bestreben
das gleiche ist
– Pulsdiagnos-
tik praktisch zu
erlernen. Dieses
Erlebnis ist aber ein Beweis dafür,
dass man auf dem richtigen Wege
ist, die Chinesische Medizinwis-
senschaft, TCM, tatsächlich zu
begreifen.
Ein Fall: Patientin, 70 Jahre, Fett-
leibigkeit, jedoch ausgezehrt wir-
kende Beine mit häufigen Kniebe-
schwerden, Schwindel, Herzklop-
fen, Kopfschmerz, RR 160/95, Puls
insgesamt fadenförmig, rollend,
auffällig jedoch links (nicht rechts)
das Anfluten in der Guanposition.
Zunge siehe Abbildung. Aktuelles
Syndrom: Aufsteigendes Leberfeu-
er. Therapie: Akupunktur – schon
nach der ersten Sitzung Linderung
der Beschwerden.
Abschließend bleibt eigentlich
nur zu sagen:
„Fühle den puls nicht nur mit
den Fingern, sondern mit dem
herzen!“ (übersetztes) Zitat von
Prof. Huang Tao.
* WHO-Collaborating Center for Traditio-
nal Medicine, Institute of Acupuncture and
Moxibustion, China Academy of Chinese
Medical Sciences (vormals: China Aca-
demy of Traditional Chinese Medicine).
China Beijing International Acupuncture
Training Centre – Vertreter für Deutschland:
Andreas Rinnößel, D-78713 Schramberg,
Schiltachstr. 63, Tel.: 07422 / 21665
Wortbedeutungen:
Oft wird nicht nur in Büchern erklärt, man solle sich vorstellen mit einer Messerklinge oder Glasscher-
be über einen Bambusstab zu streichen, um eine bestimmte verzögerte Pulsqualität nachvollziehen zu
können. Dies mutet prinzipiell recht einfach an, aber: Für den Chinesen ist grüner Bambus mit einer
lebenden, „messerbremsenden“ Oberflächenstruktur selbstverständlich. Er wuchs damit auf. Für den
Chinesen spielen die für Bambus charakteristischen „Knoten“ im Stab jedoch in diesem Fall gar keine
Rolle. Er beschreibt das wahrzunehmende Gefühl zwischen den „Knoten“.
In unserem Kulturkreis hingegen wuchsen wir vor nicht allzu langer Zeit nur mit gelben, harten und
glattoberflächigen Bambusstöcken auf. So ist es nicht selten, dass hier zuerst an gelben Bambus gedacht
wird. Für uns in Deutschland sind die „Knoten“ für den Bambus charakteristisch. So charakteristisch,
dass die „Verzögerung“ beim Messerstrich auf glattem Bambus meist eher der Unterbrechung bzw.
Verzögerung zugeschrieben wird, die beim Überwinden der „Knoten“ entsteht.
Bild 6: Deutliche Rötung, jedoch
nicht der Spitze, klebriger Belag.
Bild 7: Frau Tong, TCM-Deutsch-Fachdolmetscherin in
Peking, bei der Erläuterung einer Krankengeschichte.
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