Grüße von Andreas, China Oktober 2012 Auf Seite 9 unten
beginnen ein paar hoffentlich eher kurzweilige Zeilen, zu meinem kleinen
„Mondfestabenteuer“ im abgelegenen Bergdorf „Dong Jia Gou“.
Vorab: So viel Herzlichkeit, menschliche Wärme und freundliche Aufnahme, egal ob in
öffentlichen Verkehrsmitteln oder im Bergbauerndorf „Dong Jia Gou“, wurde mir selten
als fremder in dieser ganz besonderen Weise vergönnt. Am 30.09.2012 fuhr ich los.
Die Einfahrt zum Fernbusterminal in Peking – Ich fragte mich, wie sie alle in
die Busse passen sollen?
Traditionelles Bauernhaus in Dong Jia Gou.
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Der reich gedeckte Abendtisch zur Feier des Mondfestes (man achte auf die Details)
Leider sind nicht alle auf dem Foto. Es fehlen noch Frau „Wang“, der zweite Sohn vom Earze
da Earze usw., siehe weiter unten beim ersten Sohn, und der vormalige Dorfvorsteher. Alle
meinten Wangs Freunde sind automatisch auch ihre Freunde und ich wäre jederzeit wieder
herzlich Willkommen, auch wenn kein Mondfest wäre.
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Hier hatte ich die große Ehre im Familien- und Freundeskreis das Mondfest mitfeiern zu dürfen.
Zubereitung eines äußerst leckeren Gemüse-Fleischgerichtes im Bauernhof.
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Der Koch, beim spülen des Woks. Es handelte sich um den Sohn, des Sohnes, vom Sohn
des Bruders meines alten Freundes Wang, wenn ich alles richtig verstanden habe. Erze da
Earze, da Erze, da Wang da GeGe, meine ich so.
Wanderung mit Da Ge, dem ehrenwerten Dorfzweitältesten von Dong Jia Gou, im erstaunlichen
gleichmäßigen Stechschritt. Er zeigte mir begeistert seine Welt, ließ mich mir unbekannte Beeren
probieren und bei der Rast erhob er seinen Zeigefinger und wir lauschten den Vogelstimmen.

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Der unermüdlich wandernde Da Ge, der auch im hohen Alter von über 80 noch gelegentlich
sät, anbaut und sein Feld bestellt. Manchmal schaltete er sein kleines Radio beim wandern
ein und es erklangen liebliche chinesische Lieder zu denen er summte oder sang.
Vergeblich versuchte mir Da Ge mit ausdauerndem Lächeln beizubringen, wie man die
wertvollen Wurzeln der abgeernteten Maisgewächse (für mich war es zunächst nur Abfall) perfekt
und brauchbar entwurzelt. Wenn die Wurzeln getrocknet sind, dienen sie im kalten Winter
nämlich als vortrefflich wärmespendendes „Brennholz“ für die Feuerstätten. Nach längerer
Betrachtung meiner „Bemühungen“ und knappem Gemurmel empfahl er mir höflich, ich möge
mich doch lieber dem Maissieb zuwenden und Käfer und Steinchen aussortieren (alles was nicht
gelb war mußte raus). Das konnte ich dann gerade noch.

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Jedenfalls habe ich Deutschland, was diesen „Überlebenskampf“ betrifft, überhaupt nicht gut
repräsentiert. Man kann nur vor diesen hart arbeitenden Menschen und ihren für uns
nichtalltäglichen Bedingungen, voller Ehrfurcht den Hut ziehen und größten Respekt zollen.
Es ist sehr viel Schweiß damit verbunden bis man eine Nudel oder eine Walnuß essen kann.
Das hochbeschworene Zaubertonikum aus selbst angebauten Ginsengwurzeln.
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Mit über 80 fit wie ein Turnschuh!
Da Ge, es bedeutet älterer Bruder. Da er der Bruder von meinem alten
Freund Wang ist, durfte ich ihn so nennen
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Ein ganz großes Dankeschön an meinen lieben, immer
hilfsbereiten und lustigen alten Lao Panjau
(alter Freund) Wang Diancai,
den ich nun schon fast 20 Jahre kennen darf. Er und seine reizende Frau ermöglichten mir
am ganz privaten Mondfest im Bergdorf Dong Jia Gou teilnehmen und auch dort
übernachten zu dürfen. Man gab mir das unschätzbare Gefühl Mitglied der Familie zu sein.
Eine außerordentlich große Ehre die mir widerfuhr.
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Einige Zeilen zu meinem kleinen Mondfestabenteuer:
(es ist unmöglich all die vielen interessanten, lustigen und spannenden Eindrücke zu notieren)
+ + +
Am Vorabend der Abreise als ich in Peking bei „Mama“ noch gegessen hatte, es gab
leckeren Tofu-Eierpfannkuchen und drei „Stäckele“, meinten die Mama’s herzigerweise, sie
bringen mich mit ihrem Mamamobil am nächsten Morgen zum Fernbusterminal. Um 8.30 Uhr
stand ich bei Mama auf der Matte. Der Bus
sollte um 9.40 Uhr gehen. Für deutsche
Gewohnheiten eine großzügige Planung.
Das Unterfangen endete fast vorzeitig, weil ein
Polizeiauto dort im engen Stantiao-Gäßchen
quer stand und mit artistisch anmutenden
Manövern irgendwo einbiegen wollte. Alle
lachten und freuten sich und das Mamamobil
wurde Zug um Zug von Menschenmassen, auch
mit Fahrrädern und Elektromopeds umspült, die
im Gegensatz zu uns, alle zu Fuß bzw.
gemächlich schiebend weiter kamen. Es wurde
finster im Mamamobil und man sah nur noch wie
sich kopflose Bekleidungsteile, Ärmel, Jacken
oder ähnliches, an den Autofenstern
vorbeizwängten. Es war unmöglich die Türen zu öffnen. Nach 10 Minuten ging's mit dem
Mamamobil wieder weiter. Dann lachte ich auch und kam bald danach am Tor der Pfeile
(Bogenschießpfeile), dem Überlandbusterminal an (am Vorabend verstand ich zuerst „Air
Tower“ und nicht „Arrow Tower“, wobei es ein Gate und kein Tower war, und dachte daher,
das Terminal wäre vielleicht in der Nähe des Flughafens).
Dort durchs Tor der Bogenschießpfeile ritten früher immer nur die Soldaten ein, wenn sie die
Schlacht gewonnen hatten, ansonsten wurden sie geköpft. Ein Tor für verlorene Schlachten
gab es demzufolge nicht. Als ich die Menschenmassen sah (siehe Anfangsfoto auf der
Titelseite), fühlte ich mich wie ein Soldat vor der
verlorenen Schlacht und fragte mich, wie sie alle
in die Busse passen sollen? Mein Bus mit der
Nummer 925 sollte um 9.40 fahren, wenn er
allerdings schon früher dort wäre, führe er auch
früher, meinte Wang Diancai, mein alter Freund,
der mich im Bergbauerndorf Dong Jia Gou, ca. 90
km von Peking entfernt, zum Familien-Mondfest
erwartete (wie sich später herausstellte handelte
es sich zwar um 90 km, gefühlt waren es jedoch
mindestens 250 km). Es wäre allerdings kein
Problem, man muß nur früh genug am Terminal
sein, meinte er. Und eine Bushaltestelle mit der
Nr. 925, so der verbindliche Hinweis, gäbe es auch nicht. Aber, so seine langjährige
Erfahrung, der Bus mit der für mich zwischenzeitlich schon magisch gewordenen Nummer
925, würde wohl meistens vor dem Schild 919 oder einem anderen Schild halten, fügte er
hinzu. Ich soll wachsam sein (Anm.: weil in China oft auffällig wenige Fahrgäste unterwegs
sind, gab es auch Busse mit kleinen Tausendernummern).
Bewaffnet mit einem Navigationszettel mit notierten Busverbindungen fragte ich am
mutmaßlichen Flugabwehrturm, der eigentlich nur für Sieger bestimmt ist, eine freundliche,
jedoch sichtlich sehr beschäftigte Busfahrgästeeinpeitscherin, wo bitte heute 925 losführe. Sie
schaute mich an, schien, warum auch immer, gleich zu vermuten, daß ich eine Langnase sein
könnte, und meinte Bus Nr. 872 wäre besser für mich. Damit alles richtig läuft hat sie
sicherheitshalber direkt auf meinem Navigationszettel 925 gestrichen und 872 darunter
geschrieben. Bus 872 stand dann auch gleich ein paar Meter weiter zur Abfahrt bereit.
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Mama’s Restaurant, die unangefochtene
Nr. 1 Chinas
in Sachen traditioneller Hausmannskost!
Tor der Bogenschießpfeile bzw. der
mutmaßliche Flugabwehrturm

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Im Bus 872 nahm ich nun Platz und dachte mir, ich frag noch mal den Busfahrer als er
gerade losfuhr und blubberte auf Chinesisch (was ich vorher intensiv übte) „Ich muß nach Da
Zhuang Ke Xiang“. Er meinte es wäre doch Bus 925 der dort hin fährt, 872 geht zu den
Mingräbern. Es stellte sich heraus, daß die Fahrgästeeinpeitscherin, die ich gleich wieder
nach meinem Ausstieg aus 872 sah und nun noch beschäftigter mit den
Fahrgästeeinpeitschungen war als vorher, mit vorbildlich kulturell bereichernden Motiven
entschieden hatte, daß Langnasen logischerweise besser zu den Ming Gräbern sollen und
nicht nach Da Zhuang Ke Xiang, weil man da eigentlich als Ausländer nicht hinfährt.
Sie deutete jetzt auf den bereits
fahrenden Bus 925, der sich
seinen Weg nun schon durch
die Menschenmassen bahnte
und dem ich nacheilte. Es
gelang sogar noch ihn zu
überholen, obwohl ich auch
nicht nur im geringsten ein
ausgewiesener US-
Footballspieler bin. In der
Hoffnung, daß er ebenfalls bei
Ausländern bremst, warf ich
mich mit ausgebreiteten Armen
quasi vor den Fernbus (es
gehen nur 2 am Tag in die
Richtung, es mußte demzufolge
schon voller Einsatz gezeigt
werden). Er bremste tatsächlich
und ließ mich im Schrittempo fahrend einsteigen. Im Bus war es dann äußerst lustig.
Unaufgefordert boten sie mir Tee und Mondkuchen an und lachten sich alle kaputt, weil sie
wohl noch nie einen so schweißgebadeten und mit einer Mischung aus verstörtem und
zufriedenem Blick schauenden Langnaserich gesehen hatten. Ich hab sogar noch vereinzelt
Beifall bekommen als ich drin war, nachdem sie meine Darbietung vorher durch das Bus-
Fenster haben verfolgen können.
Ein netter Fahrgast versprach mir zu sagen, wann wir in der Gemeinde Da Zhuang Ke, der
das Bauerndorf Dong Jia Gou angeschlossen ist, ankommen würden.
Die Losung, die ich von Wang Diancai hatte war, nach ungefähr 1 1/2 Sunden wären wir
dort. Die Zeitangabe war wahrscheinlich wegen dem Mondfest nach der Monduhr
vorgegeben worden, was ich aber bis dahin noch nicht wußte. Nachdem ich ja im Bus
bestens verpflegt und gar nicht alles essen und trinken konnte, was mir fürsorglich
angeboten wurde, wäre es auch kein Problem gewesen gleich bis in die innere Mongolei
weiter zu fahren.
Nach ungefähr zwei Stunden fragte ich sicherheitshalber noch einmal nach und der nette
Chinese meinte, er wird mir schon ganz sicher sagen wo ich raus muß. Ich soll mich aber
vorbereiten, denn wenn ich erst nachdem der Bus dort ankommt raus will, könnte es
schwierig werden, weil so viele Leute im Gang stehen und andere wollen ja auch wieder rein
und es gab nur die vordere Tür. Jetzt wußte ich auch, warum die letzte Reihe, in der ich saß,
nicht voll besetzt war und einige Fahrgäste lieber standen.
Irgendwann bekam ich mein Signal "dau la" und arbeitet mich durch, landete in einer
hektisch gefahrenen Bergpaßkurve auf dem Schoß einer lieblichen jedoch um so irritierteren
Chinesin, entschuldigte mich höflich, und war dann auch rechtzeitig vorne an der Tür. Daß
der Bus nicht gleich immer mit offenen Türen langsam an den Bushaltesellen vorbeigefahren
ist hat mich gewundert, denn das Aus- und Einsteigen erinnerte jedes Mal eher an einen
fliegenden Wechsel.
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Navigationszettel

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Wang Diancai und sein Bruder Da Ge (über 80), der zweitälteste des Dorfes Dong Jia Gou,
haben mich dann in der Gemeinde Da Zhuang Ke abgeholt. Dort wo der Bus immer
besonders langsam durch fuhr, damit die Fahrgäste wohl komfortabler ein- und aussteigen
konnten.
Sie kauften noch so ein wohl fast 3 Meter langes ästeschneidendes Kombi-Pflückwerkzeug
an einem XXL-Besenstiel ein, wobei ich mir die Frage stellte wie sie das mit dem nicht ganz
so großen Schwarztaxi, zusammen
mit uns allen vieren (einschließlich
Fahrer), in ihr Dorf Dong Jia Gou
bringen wollten. Es ging aber. Das
Aufspieß- und Schneidewerkzeug
stand halt praktischerweise so aus
dem Beifahrerfenster heraus, daß
angreifende Reiter während der Fahrt
sofort hätten lanzenmäßig abgewehrt
werden können.
Nach vier Kilometern waren wir dann
da.......... ein paar Häuser, Hütten,
"Bauernhöfe" und idyllische Natur,
wie man sie sich nicht besser
vorstellen kann. Manche
Bauernhäuser empfahlen sich, wohl
auch für chinesische Verhältnisse,
als überdurchschnittlich traditionell.
Dennoch verfügten sie alle über einen eigenen Brunnen und super gutes Quellwasser! Es
gab nicht einmal eine Dorfwirtschaft, auch keinen Laden. Nichts, nur zu bestellende Felder,
Baum- und Früchteplantagen.
Übrigens meinte Da Ge, der zweitälteste im Dorf ganz vertraut, aufgrund seines hohen Alters
glaube er immer, er müßte am nächsten Tag sterben, was es notwendig macht den aktuellen
Tag so gut wie nur möglich zu genießen und ihn auch der Gesundheitspflege zu widmen. Die
Lebens- und Alterspflege begann, wie sich später herausstellte, daher schon beim Frühstück
mit einem Glas Ginsengtonikum aus eigenem Anbau.
Nachdem ja auch ich alt werden möchte, nahm ich seine Einladung zum Ginsengtonikum
gerne gleich am nächsten Morgen zum Früh-Frühstück an und fühlte mich danach
- auf nüchternen Magen - völlig übergangslos schon abrupt wie 110. Allerdings war das
Mondfest vorher auch schon recht anspruchsvoll.
Der Zweck war schneller erfüllt als angenommen. Der Zaubertrank hatte 48%, wie zu
erfahren war, wobei Da Ge meinte, die Lebensgeister würden ganz allein vom Ginseng
kommen. 3 x täglich sollte man sich mindestens ein, abends besser zwei Schnapsgläser
davon einverleiben, berichtete der zweitälteste des Dorfes mit einem glücklichen,
lebenserfahrenen lächeln. Und ich war gleich zum Frühstück mindestens fahruntüchtig, was
andererseits dazu beitrug mein dürftiges Chinesisch wesentlich harmonischer über die
Lippen zu bringen, obwohl es erschwerend von einem fränkischen Akzent begleitet wurde.
Zum Frühstück gab es toll erfrischende und stramm geschärfte, fingerdicke Gurkenstreifen
(eine echte alternative zu Red Bull), je eine Schale Hirsebrei und Sojamilch, faustgroße
Hefedampfnudeln, natürlich die leckeren Mondkuchen mit unterschiedlichen Füllungen, und
ein gekochtes Ei, das mit „Nachdruck“ auf den Tisch „gestellt“ wurde (plopp) und dort
praktischerweise ohne Eierbecher stehen blieb. Spätestens nach der Schale Hirsebrei und
der Sojamilch fühlte ich mich schon wohlig warm und großzügig gesättigt.
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Das Empfangskomitee mit aus dem Bild ragender „Lanze“
zur Abwehr von möglichen Reiterangriffen

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Danach begab ich mich wieder zum Kräftesammeln in mein Metallrohrrahmenbett (wegen
der Fahruntüchtigkeit), denn um 11 Uhr ging der Überlandbus zurück nach Peking. Nach
einem sanften aber merkbaren Aufstoßen, es erinnerte eher an den Besuch einer
traditionellen Apotheke, schlummerte ich wieder mit Wohlbehagen hinweg.
Das Bett war übrigens mit einem
Brett ausgelegt darauf befand
sich eine matratzenartige
Bettmatte, die, ebenso wie das
Kopfkissen, mit den Hülsen von
Getreidekörnern aufgefüllt war.
Auch in der vorangegangenen
Nacht hatte ich wirklich schon
lange nicht mehr so phantastisch
geschlafen. Nun denke ich
ernsthaft darüber nach mein Bett
zuhause anders zu arrangieren.
Eigentlich könnte ich ein kleines
Buch schreiben. Es war jedenfalls
äußerst lustig.
Viele Grüße aus der Ferne,
mit allergrößtem Respekt vor den
neuen Freunden im Bergdorf
Dong Jia Gou und ihren harten
Arbeits- und Lebensleistungen
die sie, unter für uns kaum
vorstellbaren Bedingungen
freudig erbringen – und mir dazu
ausgesprochen warmherzig,
gastfreundlich und mit offenen
Armen begegneten.
Herzlichst, Anderle - Peking, den 05.10.2012
(All Copyrights, einschließlich aller Fotos, by Andreas Rinnößel, D-78713 Schramberg, Germany)
Red Bull-Effekt in Pastenform und
frische Intensiv-Knoblauchdrops für die Gurkenstreifen
Früh-Frühstückstisch noch ohne Ei: 1. Mondkuchen, 2. Hirsebrei, 3. Gurkenstreifen,
4. Dampfnudeln, 5. Sojamilch, 6. Ginsengtonikum aus eigenem Anbau
(vor Diancais neuem Haus (kein Bauernhof) auf der Terrasse. Eine für uns übliche Heizung
ist hier jedoch auch nicht Standard, technisch nicht einfach möglich und fehlt noch)