Naturheilkunde
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Beim Studium der alten Klassiker
der Chinesischen Medizin kann
man nur über die Vielfalt der dort
vorgestellten diagnostischen und therapeu-
tischen Methoden staunen. Aber wenn wir
heute in unsere modernen Lehrbücher der
Akupunktur sehen, sind die „essentials“
nur zu einem kleinen Teil am Anfang der
Bücher dargestellt. Dann folgen in der
Regel im Wesentlichen stark vereinfachte
Behandlungsregeln sowie eine WHO-No-
menklatur von nummerierten Punkten und
Extrapunkten, wobei letztere ursprünglich
auf eine Vereinheitlichung durch Mao zu-
rückgehen. Viele der diagnostischen Grund-
lagen, wie z.B. die chinesische Psychologie
(Wu Shen), moralische Konstitutionslehre
(Wu Lun), fehlen komplett. Ist die Zhong
Yi daher wirklich in Europa angekommen?
Lassen sie uns
nach China schauen
Trotz der bereits umfangreichen Diskus-
sionen über Unterschiede einer TCM-
Ausbildung in Europa und China sind die
Eckdaten klar: Derzeit dauert ein Zhong
Yi-Grundstudium in China etwa 6 Jahre
und nach einer anschließenden 3-jährigen
Masterausbildung, ähnlich unser Facharzt-
ausbildung, besteht die Option auf einen
3-jährigen Doktorkurs. Häufig wird diese
Zeit als „attended doctor“ (analog zu As-
sistenzarzt) abgeleistet. Die Bedeutung
dieser umfangreichen Zhong Yi-Ausbildung
(analog zu unserem Medizinstudium)
spiegelt sich nicht nur in der sozialen
Anerkennung, sondern auch politisch in
einem eigenen „Gesundheitsministerium“
für Traditionelle Chinesische Medizin in
der V.R. China wider. Aber nicht nur in
der Ausbildungszeit, sondern vor allem im
chinesischen Denken und Lernen liegen
die grundlegenden Unterschiede.
Zur Verdeutlichung ein kleiner
biographischer exkurs:
Am Anfang meiner mehrmonatigen Aus-
bildung in China musste ich wie alle chi-
nesischen Anwärter erst einmal mein 1,5
cm dickes Lehrbuch mit einer Akupunk-
turnadel durchlöchern, was allerdings erst
nach 2 frustrierenden Wochen des Übens
von früh bis spät gelang.
Die Lehre nach konfuzianischem Ver-
ständnis, mit Erlernen von Geduld, Kraft
und Ausdauer, war verstanden. So ist die
Ausbildung in China zwar uneuropäisch
streng, aber persönlichkeitsschulend und
ergebnisorientiert.
Seitdem „gehört die Nadel zur Hand“,
wie mein Lehrer darauf sagte, und ich
weiß, dass sie meine wichtigste Lektion
war. Anzumerken bleibt allerdings: Bei
den dort verwendeten Akupunkturnadeln
handelte es sich um vielleicht hundertfach
gebrauchte, wieder sterilisierte Nadeln,
Längst hat die Xi Yi, die westliche Medizin, ihren Weg nach China gefunden und
auch die Zhong Yi, die Medizin der Mitte, ist bei uns „angekommen“. Handelt es
sich aber wirklich um Zhong Yi im traditionellen Sinn? Interpretieren wir wirklich
alles richtig, bzw. wenden wir es richtig an? Welche kulturellen Übersetzungsfehler
machen wir und woher kommen sie? Das sind Fragen, die wir uns auch stellen sollten.
Zhong Yi = traditionelle Chinesische medizin
(tCm) - eine standortbestimmung
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der Verfasser
Dr. Gregor Dietze,
Akupunkturpraxis,
88662 Überlingen
am Bodensee, Auf
dem Stein 18.
Ausgebildet am
WHO Collaborating
Centre for Traditional
Medicine in Peking
Dozent der ATCÄ
– Akupunktur und
TCM-Gesellschaft in
China weitergebil-
deter Ärzte e.V.
Zusammenarbeit mit
www.akupunkturbehandlungen.com
Dr. Gregor Dietze
© www.tcm-experten.de

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mit traditionellem Silberwendel-
griff, nicht wie in Deutschland um
Einmalnadeln, z.B. mit Silikonbe-
schichtung oder Führungsröhrchen
als Stechhilfen. Speziell für den
Bedarf in Deutschland werden
besonders hochwertige sterile Ein-
malnadeln mit Silberwendelgriff
produziert (Expertensortiment). Es
gibt über 30 Nadelabmessungen,
bei bis zu 6 Stärken je Länge - von
0,16 x 10 mm für die sensible
Gesichts- und Mikrosystemaku-
punktur bis hin zu 0,32 x 100 mm
für Gallenblase 30 (www.exper-
tensortiment.de).
Wie können wir aber
verstehen ohne „chine-
sisch“ zu denken?
Von vielen Sinologen ist das asia-
tische Denkmuster vielfach interpre-
tiert worden, aber rein medizinisch
gesehen liegt der Unterschied vor
allem im chinesischen „knowing
how“ statt dem westlichen „know-
ing that“. Wie häufig kennen wir in
Europa zwar Punkte und Punktkom-
binationen zu Symptomen, ohne
aber einen Syndromkomplex mit
Ursachen und Entwicklung zielge-
richtet herauszuarbeiten. Weiterhin
findet man hierzulande in der Praxis
auch nur selten die für eine traditio-
nelle Syndromanalyse erforderliche
Puls- und Zungendiagnostik.
In der chinesischen Ausbildung
werden vor allem die Fähigkeiten
und der Sinnzusammenhang in
den Vordergrund gestellt, nicht das
Wissen von diagnostischen und the-
rapeutischen Regeln. Der bekannte
westliche Vorwurf, dass ein und
dieselbe Krankheit in China von
unterschiedlichen Ärzten jeweils
anders behandelt wird, entspringt
dem westlichen Lehren und Lernen.
Im Ordnungsprinzip des chine-
sischen Denkens spiegelt sich das
„Sich-auf-etwas-Verstehen“ in der
Individualität der Therapie wider.
Nach Prof. Yi: „Die Wege zur Be-
handlung sind so vielfältig wie die
Fahrstrecken in einer Stadt zum
Ziel.“ So ist nach chinesischem
Verständnis Kopfschmerz (Tou Tong)
auf verschiedene Syndrome zurück-
zuführen, welche selbstverständlich
unterschiedlich behandelt werden.
Dabei hat jeder Akupunkteur auch
seine eigene Punktauswahl.
Die Individualität der TCM-The-
rapie kommt in erster Linie dadurch
zustande, dass der jeweilige Zustand
des Patienten vom Behandler erfasst
und damit die Behandlungsstrategie
festgelegt wird. Ergänzend hinzu
kommt die jeweilige Erfahrung und
Intuition des Therapeuten.
Die unser Denken bestimmende
kausale Logik kann der der chine-
sischen TCM zugrunde liegenden
Logik in ihrer Bandbreite von
Handlungsoptionen und täglichen
Therapieänderungen häufig nicht
folgen. Deshalb waren viele euro-
päische Studenten zunächst ärger-
lich, wenn auf ihre Frage: „Warum
wird dieser Punkt gestochen und
nicht wie gestern jener?“ nur „chi-
nesisches“ Schulterzucken folgte.
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Ein Studium der TCM bietet sich
für Europäer an verschiedenen
chinesischen Universitäten an.
Voraussetzung ist das Beherr-
schen der chinesischen Sprache in
Wort und Schrift. Eine Alternative
besteht in einer Ausbildung an
bewährten WHO Collaborating
Centres for Traditional Medicine,
wobei jenes in Peking seit nahezu
20 Jahren durch einen Bevoll-
mächtigten hier in Deutschland
vertreten wird (www.akupunktura.
de). Dort werden aufeinander auf-
bauende und in Deutschland an-
erkannte Kurse unterschiedlicher
Dauer angeboten, in denen die
Teilnehmer in den chinesischen
Klinikalltag integriert werden.
Aber vor allem wird durch eine
Einbindung in das normale chi-
nesische Leben auch die wichtige
„Ausbildung des Erfahrens“ neben
der gewohnten „Ausbildung des
Lernens“ möglich. Beispielswei-
se isst man gerne bei „Mama“,
einem kleinen, nichttouristischen
Restaurant zu Abend und genießt
die typische chinesische Haus-
mannskost. Oder man zelebriert
in 8 Schritten eine traditionelle
Fußmassage, die 1 ½ Stunden
dauert. Nach der normalen an-
fänglichen Skepsis sind viele Kurs-
teilnehmer so zu Anhängern der
TCM und der chinesischen Kultur
geworden. Aber man braucht
keine sinophile Einstellung, um
durch eine „Ein“-Sicht der chine-
sischen Umgebung und Erkennen
von Lebenserscheinungen zum
„Innersten“ der Zhong Yi vorzusto-
ßen. In der Chinesischen Medizin
gibt es im Wesentlichen nur vari-
able Erscheinungen einer inneren
und äußeren Welt, welche ein
komplexes Syndrombild zeigen.
Unserem westlichen dialektischen
Denken bleiben diese vielfältigen
Bilder häufig verschlossen.
Darum die Frage: Ist die Zhong
Yi bei uns wirklich schon „ange-
kommen“ oder was bezeichnen
wir als Traditionelle Chinesische
Medizin? Oder müssen wir unsere
kulturell geprägten Übersetzungen
und Denkmuster „überarbeiten“?
Wie haben wir TCM gelernt und
verstanden und entspricht das
tatsächlich Zhong Yi?
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